Stuck!
Borderline und Sexualität
 

Sexualität ist im Rahmen von Borderline eigentlich so gut wie immer ein belastetes Thema. Man kennt schadhafte Promiskuität als ein häufiges Symptom der Krankheit. Promiskuitiv zu sein heisst, sexuelle Kontakte von ihrer Exklusivität zu befreien, Sex mit vielen, ständig wechselnden Partnern zu haben. Sie ist außerdem das eine Symptom, dass ich bei männlichen als auch weiblichen Borderlinern in gleicher Ausprägung zu sehen glaube, während alle anderen Symptome deutlich geschlechtsspezifisch zu sein scheinen.

Es gibt zwei Tendenzen, wie Borderlinerinnen mit Sexualität umgehen. Während die einen eine Fremdheit gegenüber ihrer Körperlichkeit empfinden und oft gar nicht zu zärtlicher Nähe imstande sind, leben die anderen das entgegengesetzte Extrem aus. Eigentlich sind auch sie nicht zu körperlicher Nähe, also dazu sich fallen zu lassen imstande, doch würde ihnen das wohl niemand glauben. Sexualität wird anscheindend von vielen Borderlinerinnen in frühester Jugend als einer der am leichtesten zu kontrollierenden Bereiche zwischenmenschlicher Beziehungen entdeckt. Während Freundschaften, Familie und kollegiale Arrangements einen starken Zwiespältigkeit unterworfen sind, eben negative und positive Reize parallel in sich tragen (was dem Borderliner fast nicht erträglich ist), so ist Sexualität von ganz anderer Art. Sie ist kalkulierbar, eindeutig und mit klaren Machtstrukturen verbunden, derer die Borderlinerin sich bedienen kann, um von unerwartet negativen Reizen geschützt zu sein.

Mehrere Dinge sind es, die vielleicht dazu führen, dass Borderlinerinnen oft unverhältnismäßg schnell und augenscheinlich unkompliziert "zur Sache" kommen:
Sie beherrschen sehr schnell die Regeln, nach denen männliche Phantasie "gebaut" ist. Darauf einzugehen fällt der Borderlinerin nicht schwer. Sie kann Hure und Heilige, verrucht und schüchtern sein. Ihre ohnehin ständig sprudelnden Ideen lassen sich gerade in der Erotik beeindruckend umsetzen. So fällt es ihr ausgesprochen leicht, einen Mann in ihren Bann zu ziehen.

Sie "scannt" seine Bedürfnisse und seine Träume (im Scannen anderer Menschen sind Borderliner - aus der Not heraus - wahre Meister) und entspricht diesen ohne Mühe. Dafür muss sie nicht schauspielern, nichts vorspielen. Aus Ermangelung einer eigenen echten Identität, kann sie sich jederzeit anderer Identitäten bedienen, ohne sich verstellen zu müssen. Sie IST de facto und tatsächlich genau die Frau, die sie sein soll. Die unglaubliche Faszination, die sie dadurch auf einen Mann ausüben muss, gibt ihr die seltende Möglichkeit, sich in einer nahezu 100%ig kontrollierbaren Umgebung wiederzufinden. Kontrolle bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht, dass sie darauf aus ist, den Mann wie eine Marionette tanzen zu lassen. Was sollte sie davon haben? Kontrolle bedeutet Reizkontrolle. Aufgrund mangelnder Gefühlsregulation (ich habe in weiteren Texten auf dieser Homepage darauf bereits Bezug genommen), die Teil der Krankheit ist, und damit einhergehender Reizüberflutung ist der Borderlinekranke Mensch ständig bestrebt, die Kontrolle über seine Umwelt zu erlangen um die Reizintensität steuern zu können. Nirgendwo funktioniert das so gut, wie in der Sexualität. Das heisst, die Borderlinerin findet sich jetzt, nachdem sie die Sexualität kontrolliert, in einem wahren Paradies emotionaler Überschaubarkeit wieder. Zumindest für eine Weile. Das führt zu Entspannung und Sicherheitsgefühl. Zumindest für eine Weile. Sie kannn sich sicher sein vor negativen Reizen, mangelnder Akzeptanz und damit eingehender Schuldgefühle und vor Konflikten. Unglücklicherweise funktioniert das Kontrollieren der Umgebung über die Sexualität eben nicht auf Dauer und auch lässt sich hierdurch nichts kontrollieren, was sich in Richtung Beziehung oder Freundschaft entwickelt. Schnell muss also ein neuer Mann her, möglichst noch bevor der andere die Frau noch enttarnen konnte. Promiskuität entsteht also aus der Sehnsucht, nach dieser trügerischen Geborgenheit und aus der Angst vor zwischenmenschlichen Beziehungen.

Ein weiterer Aspekt überstürzter sexueller Handlungen hat ebenfalls wieder mit der Angst vor negativen Reizen zu tun. Mit der Angst, abgelehnt und nicht geliebt zu werden. Da Borderliner sich selbst meist als unliebbar empfinden (da sind sie sehr streng mit sich selbst und verzeihen sich keinen Fehler), bedeutet gerade die erste Phase des Kennenlernens eine erhöhte Gefahr der Ablehnung für sie. Gerade in dieser Phase versuchen sie also möglicherweise auf alle Aspekte einen Blick zu behalten, was in der Anspannung dazu führt, dass der ganze Ablauf des Kennenlernen wie im Zeitraffer wahrgenommen wird. Frauen haben auch oft das Gefühl, der neue Mann erwarte eine schnelle Gefügigkeit, der sie sich natürlich nicht verwehren möchte. So enstehen sexuelle Handlungen schon mal aus Dank für einen schönen Abend, aus Verpflichtungsgefühl, weil man Aufmerksamkeit genossen hat, vielleicht sogar zuviel über sich selbst geredet hat, aus Angst, der Mann können sonst schnell das Interesse verlieren, wenn er sie für prüde hält und auch aus Übereifer, weil man möglichst schnell zeigen möchte, was man zu bieten hat. Sexualität ist also oft komplett instrumentalisiert. Eine eigene sexuelle Identität zu entwickeln ist aber so kaum möglich.
Promiskuität, die in diesem Kontext entsteht führt entweder zu oben geschilderten Machtspielen oder aber genau zu dem, was die Frau damit, dass sie sich vorschnell anbot, verhindern wollte: Ablehnung durch den Mann.

Das Neinsagen ist meiner Ansicht nach der dritte Aspekt von Promiskuität. In der ständigen Angst, nicht akzeptiert zu werden oder Ablehung zu erfahren, verlassen zu werden oder einen Konflikt austragen zu müssen, haben Borderlinerinnen oft Schwierigkeiten, den eigenen Willen von dem anderer abzugrenzen. Sie haben nie gelernt, nein zu sagen. Das wirkt sich besonders verheerend aus, wenn ein notgeiler Mann sich sagt: Hm, ich versuchs mal, ich geh einfach mal ran und wenns klappt habbich Glück gehabt.
Ich möchte nicht wissen, wieviele Borderlinerinnen schon mit Männern geschlafen haben, nur weil die ihnen in den Schritt gefasst haben und sie selbst dann der Meinung waren, sie hätten dem Kerl wohl irgendwelche Signale gegeben, die das provoziert haben und müssten das jetzt ausbaden.

Die Demütigung, die mit einer ungewollten, sexuellen Berührung einhergeht ist außerdem wieder ein negativer emotionaler Reiz, die eine Borderline-persönlichkeit umgehend mit Kontrolle zu regulieren sucht. Indem sie sich gegen den sexuellen Übergriff nicht wehrt, suggeriert sie sich und dem Täter einen freien Willen. Das Gefühl "Ich mache das wissentlich mit, es ist meine Entscheidung, ich kontrolliere die Situation" ist im ersten Moment auf der Reizskala niedriger angesiedelt, als "Ich fühle mich gedehmütigt, ich werde berührt, obwohl ich es nicht will, meine Person wird nicht respektiert". So redet sich die Frau ein, die Handlungs-vollmacht und Entscheidung läge nach wie vor bei ihr, sie ließe es zu, vielleicht aus Mitleid oder aus Dankbarkeit, warum auch immer, es wird schon vorbei gehen und bedeutet nichts. Sollte diese Suggestion nicht effektiv gewesen sein, kann es sogar geschehen, dass dieselbe Frau vielleicht kurze zeit später die Situation aus freien Stücken (wenn auch mit Ekel) zu wiederholen sucht, sich also dem Täter erneut anbietet. Hiermit unterstreicht sie ihren freien Willen. Leider ein Selbstbetrug.

Wir sehen also, es geht um Kontrolle. Der Borderliner unterliegt einer Kontrollsucht, die sich durch alle erdenklichen Lebensbereiche zieht. Seine unregulierten Emotionen zwingen ihn dazu. Er fürchtet sonst, die Schwelle zum Wahnsinn zu überschreiten. Ein dicker Schutzschild aus Kontrolle umgibt ihn und ersetzt die fehlende Gefühlsregulation künstlich von außen.




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